27.09.18 - 20.12.18

Radiophonie. Übertragungen zwischen Wellen und Rauschen

Ringvorlesung / Lectures Series


   

Donnerstags / On Thursdays, 18:00 h, Museum Tinguely, Basel

The lecture series negotiates the relations between sound and radio waves and between the technical, asthetic and political dimensions of radiophonics. It is accompanying the exhibition "Radiophonic Spaces" at the Museum Tinguely in Basel in the fall semester of 2018.

Ringvorlesung des Lehrstuhls für Medienästhetik, Seminar für Medienwissenschaft, Universität Basel
A Lecture Series by the Chair of Media Aesthetics, Seminar of Media Studies, University Basel

(For English see below)

Begriff und Phänomen der «Radiophonie» rufen stets Relationen auf: Technik und Klang, Übertragen und Sagen, Senden und Gesendetes, Trägerfrequenz und Audiosignal, Figur und Grund, Immaterialität und Materialität der Kommunikation. Radiophonie umfasst die Institution Radio und das technische Gerät. Radiophonie setzt ästhetische, institutionelle, technische und medienarchäologische Fragestellungen ins Verhältnis. Wenn etwa die Grenzlinie zwischen Klang und Geräusch in der Musiktheorie des zwanzigsten Jahrhunderts heftig umkämpft wurde, entspricht das der technisch-mathematischen Unterscheidung von Signal und Rauschen nur ungefähr. Aber es wird deutlich, dass jede Kulturisation elektromagnetischer Wellen ein Prozess der Verhandlungen und Erfindungen ist, in dem ständig auch ihr möglicher Zusammenbruch miteinkalkuliert werden muss.

Wenn Rundfunkgesellschaften ingenieurstechnische Standards setzen, dann erziehen sie und standardisieren damit zwar auch die Ohren der Hörerinnen und Hörer, liefern jedoch zugleich den Ausgangspunkt für experimentelle Formen, die gerade an und mit den Grenzen dieser Standards operieren. Werden auf der einen Seite Formen der Verstetigung, Stabilisierung oder Institutionalisierung von Regeln und Regelmässigkeiten eingeführt, lässt sich auch eine Geschichte des Radios als Geschichte von Störungen, Instabilitäten und Transgressionen beschreiben. Die Geschichte einer solchen Radiophonie ist eine der Entwürfe und Öffnungen hin auf radiophone Zukünfte; zugleich aber stellt sich die Frage nach Archiven des Radios, die der Logik der Signale oder jener der kulturellen Ordnungen folgen können.

Die Ringvorlesung versammelt eine Reihe von Ansätzen, Perspektiven und Verfahren zur Frage, wie sich in solchen doppelten Verhältnissen mit und über Radiophonie denken lässt und wie dabei historische, technische, ästhetische und politische Dimensionen der Radiophonie ineinandergreifen.

Radiophonics. Transmissions between Waves and Noise

The concept and the phenomenon of »radiophonics« always summon oscillating relations: Technology and sound, transmission and speech, sending and the sent, carrier frequency and audio signal, figure and ground, immateriality and materiality of communication. Radiophonics encompasses the institution radio and the technical equipment. Radiophonics puts aesthetic, institutional, technical and media-archaeological questions into relation. If, for instance, the boundaries between sounds and noises have been fiercely contested in twentieth century music theory, this corresponds only approximately to the technical-mathematical distinction between signal and noise/disturbance. However, through this correspondence it becomes clear that every culturalization of electromagnetic waves is a process of negotiations and inventions, in which constantly possible breakdowns must also be taken into account.

When broadcasting companies set engineering standards, they educate and thus standardize the ears of listeners, but at the same time provide the starting point for experimental forms that operate at and with the limits of these standards. If, on the one hand, forms of stabilization, perpetuation or institutionalization of rules and regularities are introduced, a history of radio can also be described as a history of disturbances, instabilities and transgressions. Such a history of radiophonics is one of projects and openings towards radiophonic futures; at the same time the question of archives of radio – that can follow the logic of signals or those of cultural orders – is raised.

The lecture series gathers an array of approaches, perspectives and procedures on how to think with and about radiophonics in such dual relationships and thus asks how the historical, technical, aesthetic and political dimensions of radiophonics intertwine.

PROGRAM

May be subject to change

27.09.   Daniel Gethmann
    Radiophonie. Medienarchäologie einer Utopie
    Abstract
     
04.10.   Geert Lovink
    Souveräne Medien: Von Freiem Radio bis Podcasts
    Abstract
     
11.10.   Friedrich Knilli
    Die Höllenfahrt. Ein Radiolehrstück über deutschnationale Terroristen und deren Opfer
    Abstract
    Achtung, diese Veranstaltung dauert länger als die sonstigen Vorlesungen: 18:00 bis 21:00 h
Please note: This event will take longer than the other lectures: 18:00 til 21:00 h
     
18.10.   Cornelia Epping-Jäger
    Schnittkompositionen. Radiophone Ästhetik in Rolf Dieter Brinkmanns "Die Wörter sind böse"
    Abstract
     
25.10.   Carolyn Birdsall
    Radiophonic Experiments, Recording and the Invention of Radio Studies, 1924-1945
    Abstract
     
01.11.   keine Vorlesung / no lecture
     
08.11.   Diana McCarty
    Born in Flames. Mind Blowing Radio Presents
     
15.11.   Wolfgang Ernst
    Radio, eigentlich. Eine Kritik des Radiootozentrismus
    Abstract
     
22.11.   Anna Friz
    Distance, Difference and Reverie: Encountering Transmission Ecologies Through Radio Art
    Abstract
     
29.11.   Verena Kuni
    Anti-Pattern
    Abstract
     
06.12.   keine Vorlesung / no lecture
     
13.12.   Katja Rothe
    Radio Seelen: Die Etablierung der Sozialpsychologie im Kontext des Radios
    Abstract
     
20.12.   François Bonnet
    Radio Spectral
    Abstract
     
     
     

Abstracts

Daniel Gethmann: Radiophonie. Medienarchäologie einer Utopie

Der Begriff der Radiophonie ist älter als das Medium Radio. Er artikuliert Übertragungskonzepte von Informationen, die sich aus der Vorstellung von einer Kontaktaufnahme über möglichst große Distanzen speisen. Eine Medienarchäologie dieser Utopien fragt nach den medialen Bedingungen solcher Kommunikationskonzepte mit unbekannten Empfängern und macht deutlich, inwiefern die Unterscheidung von Signal und Rauschen in der Radiophonie an Bedeutung gewinnt.
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Geert Lovink: Souveräne Medien: Von Freiem Radio bis Podcasts

Der niederländische Medientheoretiker und Netzaktivist Geert Lovink stellt in seinem Vortrag Verbindungen her zwischen radikalen Radioexperimenten der 1980er bis 90er Jahre und heutigen Modellen von Podcasting im Internet. Was damals Gegenöffentlichkeit genannt wurde, lässt sich heute nicht mehr als solche wiedererkennen. Alle Internetbenutzer sind souverän und senden nur im eigenen Kreis. Was bedeutet das für die Brecht‘sche Radiolehre? Ist der Unterschied zwischen ‚live‘ und ‚on demand‘ noch sinnvoll? Was bedeuten Nischen, Filterbubble und Influencers im Zeitalter des Plattformkapitalismus?
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Friedrich Knilli: Die Höllenfahrt. Ein Radiolehrstück über deutschnationale Terroristen und deren Opfer

Die Höllenfahrt steht in der Tradition des Lindberghfluges von Bertolt Brecht. Brecht verlinkte 1929 die Bühne mit dem damals neu aufkommenden Medium Radio. Bei der Höllenfahrt wird das inzwischen alt gewordene (?) Radio mit dem Highspeed-Internet verbunden.
Das Feature ist ein Radiolehrstück über den Aufstieg und Untergang des SA-Mannes Josef K. Er arisierte 1938 das Kleiderhaus Spielmann. Vertiefende Informationen zur Familie Spielmann stehen unter www.derinternetlink.de in dreizehn Folgen bereit. Deren Titel: „Ein jüdischer »Steirerbua« erobert Schanghai.“ Grafische Codes auf Grabstätten der Familie Spielmann verweisen auf beides: das Radiolehrstück und die Spielmann-Folgen. Im Internet verbinden sie sich zur „Digitalen Himmelfahrt“.

In Kooperation mit Prof. Dr. Barbara von der Lühe (Technische Universität Berlin), Dr. Marduk Buscher (Unternehmer/Wissenschaftler), Ingo Kottkamp (Redakteur, Deutschlandfunk Kultur), Maria Knilli (Filmregisseurin/Autorin), Lena Knilli (Malerin)
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Cornelia Epping-Jäger: Schnittkompositionen. Radiophone Ästhetik in Rolf Dieter Brinkmanns "Die Wörter sind böse"

Das Programm der Ringvorlesung formuliert es als eines seiner Ziele, die Relation  zwischen standardisierter Hörgewohnheit und experimenteller ‚Entnormalisierung‘ in den blick zu nehmen. Genau an diesem interpolaren Spannungsort sind die radiophonen Schnittkompositionen situiert, die Rolf Dieter Brinkmann in seinem Hörspiel ‚Die Wörter sind böse‘  inszenierte. Der Vortrag führt den ästhetischen Operationsmodus vor, der Brinkmanns Radioarbeit bestimmte und er situiert das Hörspiel im größeren Rahmen des unter dem Titel ‚Wörter Sex Schnitt‘ veröffentlichten akustischen Materials, das seiner radiophonen Produktion zugrunde liegt.
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Carolyn Birdsall: Radiophonic Experiments, Recording and the Invention of Radio Studies, 1924-1945

From its early experimental phase onwards, radio broadcasting attracted praise for creating a sense of liveness, intimacy and co-presence. Yet it was a sense of impermanence—of radio’s ephemeral sounds dissipating—that often prompted the desire to record and thus capture broadcast content. This presentation will investigate little-known efforts to experiment with capturing the communicative and medium-specific qualities of radio, and listener experiences, for the purposes of a humanities-oriented research agenda. Acknowledging multiple strands of radiophonic inquiry from the 1920s, my analysis not only points to the significance of studio-based experiments and recording media, but also modern publicity forms (e.g. public exhibition displays, commercial releases) that facilitated new sonic epistemologies. Such combined developments, I contend, crucially informed the research agenda of Friedrichkarl Roedemeyer, a linguist who came to lead the first dedicated institute of “radio studies” (Rundfunkwissenschaft) by the late 1930s.
Modelled on the modern design of radio stations at the time, Roedemeyer’s institute resulted in a purpose-built ‘sound house’ with the newest technical equipment and studios, a well-equipped library, archive and teaching facilities, intended to support a multi-disciplinary agenda for investigating radio in all its facets. In contrast to the more well-known history of radio research in North America, whose protagonists were core figures in the development of communication science, this first and only radio studies institute in Germany was disbanded and largely forgotten after 1945. Nonetheless, I argue that this case not only brings into sharp relief how early radio studies knowledge production was crucially informed by sound recording practices, but how it was articulated in a ‘new media’ teaching and research facility that had directly benefited from the substantial political-economic investment in radio during National Socialism.
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Wolfgang Ernst: Radio, eigentlich. Eine Kritik des Radiootozentrismus

Während der Begriff der Radiophonie den Akzent anthropozentrisch auf eine spezifische Ästhetik der technisch vermittelten Wahrnehmung von Klang und Geräusch legt, vernimmt das medienarchäologische Gehör vielmehr deren unabdingbare Ermöglichung im Ereignis der Signalübertragung selbst; erst hierdurch legitimiert sich die Verwendung des Radio-Begriffs. Die analytische Aufmerksamkeit gilt daher dem Techno-Sonischen im Radio. Gerade weil sich die Epoche von Radio als eigenständiges Massenmedium dem Ende zuneigt, geht damit eine verstärkte Sensibilität für die archai von Rundfunk, sprich: seine Anfänge und Prinzipien im doppelten medienhistorischen und -epistemologischen Sinn einher. AM-Kurzwellenradio eignet sich im Besonderen für diese akustemische Analyse – eine medienarchäologische Herzausschüttung. Doch aller Melancholie zum Trotz gilt für das Gegenwärtige, daß es von mehr Radio denn je durchwaltet wird: Signalfunk als technische Bedingung digitalisierter Mobilkommunikation aller Art, „Radio“ im ursprünglichsten Sinn, understanding radio as medium. Nur, daß dem Rundfunk ("wireless") auch ein kabelgebundenes Radio via Internet beiseite getreten ist, "Postfunk" im Sinne adressierter Datenpakete. Für das klassische Radioformat stellt sich hingegen die Frage, ob die vielbeworbene schöne neue Welt des Digitalradios, also die emphatische Digitalisierung nicht nur der Produktions-, sondern auch Übertragungswege, nicht darauf hinausläuft, daß eine ehrwürdige Technologie seine Seele verkauft. Auch hierfür gibt es einen radiotechnischen Begriff: Funkstille.
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Anna Friz: Distance, Difference and Reverie: Encountering Transmission Ecologies Through Radio Art

Terrestrial radio listening, as in listening to waves and stations, remains both intimate and public, secret and open. Turning on and tuning across the radio dial generates no data footprint as a listener ventures across an ever-changing geography of radio spaces. Radio historian Susan Douglas notes that early radio amateurs “were not deterred by a lack of secrecy or by interference from other operators”. Radio artists reflect and explore the feeling of distance with the ambiguity of location, the instability of signals, and the ephemeral quality of listening which may nonetheless leave deep impressions, together with the key conditions of transmission as both resolutely public and protectively intimate. This lecture explores listening ecologically to radio, as exemplified in the works of historical and contemporary radio and transmission artists.
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Verena Kuni: Anti-Pattern

Als Anti-Pattern werden (Schein-)Lösungen für Probleme bezeichnet, die negative bzw. schädliche Effekte zeitigen. Ursprünglich auf Software-Entwicklung bezogen findet der Begriff inzwischen auch im Bereich des Projekt- und Organisationsmanagement Anwendung. Betrachtet man die zentrale Bedeutung, die Muster und Mustererkennung nicht nur für die menschliche Wahrnehmung und Kognition besitzen, scheint es verführerisch zu fragen, ob und inwiefern sich das Konzept Anti-Pattern auch auf dieses Feld übertragen lässt.
Dieser Frage möchte ich in meinem Vortrag nachgehen.
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Katja Rothe: Radio Seelen: Die Etablierung der Sozialpsychologie im Kontext des Radios

Das Radio inspirierte die Entwicklung neuer Konzepte vom ‚kollektiven Subjekt‘. Bekannt sind die Versammlung der Volksgemeinschaft vor dem Volksempfänger und die breite Angst der Pädagog*innen vor der Zerstreuung der Masse. Medientechnische Praktiken und Dinge aus dem Bereich des Radios beeinflussten aber nicht nur propagandistisch und populistisch eine angeblich gegebene Masse, sondern waren wesentliche Inspirationsquellen für Psychiatrie und Psychologie, vor allem für die Sozialpsychologie. Und mehr noch: Die technischen Dinge, die im Umfeld des Nicht-Wissens des Elektromagnetismus auftauchten, waren nicht allein Metapher für die undarstellbaren Vorgänge des Psychischen, sie wurden Teil einer technischen Selbst-Bildung.[1]  Der Vortrag diskutiert über den Fall Daniel Schreber hinausgehend vergleichend Konzepte von Jakob Moreno und Kurt Lewin – zwei Pioniere der Sozialpsychologie.
[1] Thomas Alkemeyer/ Gunilla Budde/ Dagmar Freist (Hg.): Einleitung. In: Dies. (Hg.): Selbst-Bildungen. Soziale und kulturelle Praktiken der Subjektivierung. Bielefeld: Transcript 2013, S. 9-30. Ich werde noch ausführlich auf diesen Begriff eingehen.
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François Bonnet: Radio Spectral

This presentation aims to explore the medium of radio through the concept of a „relation of absence“. Such a relationship doesn’t link one to another through each other’s presences, but one to elsewhere and something else. The link operated must be thought of as an excursion of the modalities of traditional relations.
In that way, we can call „spectral“, this relation „d’éloignés à éloignés“ (from one „deferee“ to another), to quote Marcel Duchamp. Spectrality is indeed exploring something close: a matrix of interrelation based on the appearing of something or someone absent. Radio puts the listener in front of ghosts. Not necessarily derived from dead people, but also from other realities.
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